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Drüsiges (indisches) Springkraut

(Un)Willkommenskultur für Pflanzenmigranten


Vorsicht Invasoren! Kaum eine Pflanze wird so kontrovers diskutiert und behandelt wie das Drüsige oder auch Indische Springkraut. Vom Untergang der heimischen Wald- und Wiesenflora wird gar geunkt. Der eingeschleppten Pflanze müsse der Garaus gemacht werden. Ist die Bedrohung wirklich so groß oder können Pflanzenmigranten wie Drüsiges Springkraut, Kanadische Goldrute oder Einjähriges Berufkraut vielleicht sogar Bereicherung sein? Information und Offenheit helfen, unbegründete Ängste auszuräumen. Nicht nur im Pflanzenreich…

Gut gemeint ist nicht gut gemacht

Hummel saugt Nektar aus pinker Springkrautblüte
Honigbienen und Hummeln freuen sich bis tief in den Herbst über nektarreiche Springkrautblüten

Spätsommer im Deutschland. Rosa und pinke orchideenartige Blüten schmücken in großen Beständen Bachläufe und Waldränder. Bienen und Hummeln schaukeln munter in den Blütenköpfen und sammeln den süßen Nektar, der zu dieser Jahreszeit langsam rar wird. Eine willkommene Futterquelle. Ein Naturidyll. Eigentlich. Szenenwechsel: Am Waldrand liegen jede Menge ausgerissene und niedergetrampelte Stiele und Blüten genau dieser Pflanze. Was ist passiert? Die Angst vor dem Drüsigen Springkraut hat wieder zugeschlagen. Eine Gruppe von vermeintlichen Naturhütern hatte sich aufgemacht, die invasive Pflanze auszurotten, um die heimischen Gewächse zu schützen. Ein klarer Fall von „gut gemeint ist nicht gut gemacht“.


Neophyten - die überschätzte Gefahr

Wer oder was ist denn nun dieses Drüsige Springkraut und warum erregt es die Gemüter derart? Die hübsche Pflanze gehört zur Kategorie der sogenannten Neophyten. Dazu zählen alle Gewächse, die nach dem Jahr 1492 gezielt als Zier- oder Nutzpflanze oder ungewollt bei uns eingeführt wurden. Warum gerade genau dieses Datum? Es ist das Jahr, in dem Kolumbus vermeintlich Indien, tatsächlich aber Amerika entdeckte. Vielleicht um seinen Irrtum in ein besseres Licht zu rücken, brachten er und viele seiner Nachfolger mit zahllosen exotischen Pflanzen aus der „neuen“ Welt die Menschen in der Heimat zum Staunen. Königshäuser protzten in ihren Gärten mit den unbekannten Schönen (nicht nur Pflanzen, sondern auch Menschen…aber das ist ein anderes Thema). Der Weg für Handel und Austausch war frei.


Viele der eingeschleppten Pflanzen fanden sich gut zurecht im neuen Klima und etablierten sich auch mangels heimischer Fraßfeinde oder weil sie schlichtweg eine bislang nicht besetzte Lücke füllten. Mit zunehmender Verbreitung traten einige der Einwanderer in zum Teil kritische Konkurrenz zu heimischen Ökosystemen. Doch nicht jeder Neophyt ist per se eine Gefahr für Flora und Fauna. Von den seit 1492 rund 12.0000 nach Deutschland eingewanderten Neulingen, konnten sich 440 Arten etablieren und lediglich 40 werden als invasive Bedrohung eingestuft (Bundesamt für Naturschutz).


Keine Panik, halb so schlimm

Das Drüsige Springkraut ist ein relativ junger Einwanderer. Etwa im 19. Jahrhundert holte man die Pflanze aus dem indischen Himalayagebiet zunächst nach England. Als Zierpflanze machte sie erfolgreich europaweit Karriere und verdiente sich mit den exotisch anmutenden Blüten den Namen „Bauernorchidee“. Imker schätzten die nektarreichen Blüten und unterstützten so zusätzlich die Ausbreitung. Seit etwa Ende der 1990er Jahre kamen ersten Sorgen wegen der enormen Verbreitungskraft des Drüsigen Springkrauts auf. Gerade an Bach- und Flussläufen beobachtete man ausgedehnte Bestände. Die einjährige Pflanze produziert pro Lebenszyklus bis zu 2.000 Samen (manche Veröffentlichungen sprechen von bis zu 4.000), die sie bis zu 7 m weit schleudern kann und die obendrein schwimmfähig sind. Das Thema fand mediale Beachtung und damit wurde eine Lawine in Gang gesetzt. Naturschützer - vom Hobbygärtner über Biologen bis zu Schulklassen zogen los, um die vermeintliche Bedrohung in Schach zu halten. Heute und einige Beobachtungen und Studien weiter weiß man es besser.


So konnte eine Gefahr für die Waldverjüngung beispielsweise bereits 2005 in einem Feldversuch der Bayerischen Landesanstalt für Forstwirtschaft widerlegt werden. Problematisch ist die Ansiedlung in den bevorzugten Standorten von Bachläufen. Der eher kleine kompakte Wurzelballen bietet weniger Stabilität als heimische Pflanzen und kann so zu vermehrter Erosion der Uferflächen führen.


Gezielte Eindämmung. Sinnvolle Nutzung

An solchen empfindlichen Naturstrukturen kann es durchaus sinnvoll sein, die Fremdbestände einzudämmen. Dies sollte aber mit Bedacht und der nötigen Sachkenntnis erfolgen, um ein nachhaltige Zurückdrängen des Springkrauts zu gewährleisten. Das gelingt nur durch Mahd vor der Blüte und Abraum des Schnittgutes, da die Knotenpunkte der Stiele neu wurzeln. Den Rest erledigt die Natur: Das drüsige Springkraut ist einjährig, das heißt die Pflanze selbst verschwindet am Standort mit der Winterkälte.


Dass wir mit einer nachhaltigeren Landwirtschaft und Lebensweise dem stickstoffliebenden drüsigen Springkraut einen großen Teil der Nahrungsgrundlage entziehen könnten, sollte zum Nachdenken anregen. Der massive Eintrag von Stickstoff durch die konventionelle Landwirtschaft reichert sich auch in den ufernahen Gebieten an und füttert so das Springkraut regelrecht an. Ein wichtiger Ansatzpunkt.


Ansonsten gilt das Gleiche wie für exzessiv wachsende heimische Pflanzen wie den Giersch oder die Brennnessel: Nicht ärgern, sondern nutzen!


Fazit: Vielleicht braucht es nicht unbedingt eine Willkommenskultur für invasive Pflanzen. Aber ein gesundes Maß an Akzeptanz und Wohlwollen hilft auf jeden Fall weiter. Machen wir das Beste draus, denn schlechter ist oder wird es meist von allein.



Verwendung:

In der Küche:

Das Drüsige Springkraut lässt sich hervorragend kulinarisch verwerten. Während das leicht giftige Kraut nicht zum Essen taugt (Gefahr von Erbrechen und Durchfall), lohnt sich eine Verkostung der Samen und auch kleinerer Mengen der Blüten umso mehr. Die Samen, die explosionsartig aus den Schoten platzen, schmecken lecker. Der fruchtig-nussige Geschmack der weißen bis dunkelbraunen Körnchen macht sich prima in Joghurt, Müsli, Salat, Pesto oder einfach pur. Ein toller Snack aus der Natur. Getrocknet lassen sie sich gut aufbewahren. Die Blüten sind eine hübsche Deko und Rohstoff für eine tolle Sirupvariante zum üblichen Holundersirup. Der pinke Saft ist ein absoluter Hingucker und macht Wasser, Prosecco und Desserts zu einem Highlight. Auch als Gelee verarbeitet machen die Springkrautblüten eine tolle Figur.


In der Heilkunde:

Zum Genuss nicht geeignet, sind die Blätter jedoch ein probates SOS-Mittel bei Mückenstichen und Brennnessel-Quaddeln. Ähnlich wie der heimische Spitzwegerich lindert der Pflanzensaft der zerriebenen Blätter mit seinen entzündungshemmenden Inhaltsstoffen Jucken und Brennen auf der Haut. Volksheilkundlich wird von harntreibender und abführender Wirkung berichtet, in der Physiotherapie findet sich dagegen keine Anwendung. Das Springkraut ist vielleicht einfach zu jung bei uns für tradierte Anwendungen. Eine wichtige Stellung hat das Drüsige Springkraut in der Bachblütentherapie, wo die Pflanzenessenz unter der Bezeichnung Impatiens für mehr Geduld und Gelassenheit sorgen soll. Zudem ist sie Bestandteil der Bachblüten Notfalltropfen für physische und psychische Schock- und Ausnahmesituationen.



Steckbrief Drüsiges Springkraut

Familie: Balsaminengewächse (Balsaminaceae) Pflanzenname: Drüsiges oder indisches Springkraut (Impatiens glandulifera) Volksnamen: Bauernorchidee, Orchidee des armen Mannes, Himalaya-Balsam, Himalaya Springkraut


Merkmale: Aus einem kompakten kleinen Wurzelballen wächst das einjährige Kraut und erreicht eine Höhe von bis zu 3 m. Der dicke, aber leicht zu knickende Stiel ist grün bis rötlich und hohl. Die Blätter sind länglich, lanzettlich und weisen Drüsen auf, aus denen sie den charakteristischen, bisweilen unangenehmen Duft verströmen. Von Juni bis Oktober bilden sich locker traubige Blütenstände mit orchideenartigem Erscheinungsbild. Die rosa bis pinken Blüten sind äußerst nektarreich. Sie übertreffen mit einer Produktionsleistung von 0,47 mg Nektar pro Stunde heimische Pflanzen deutlich. Auch die Drüsen am Blattgrund tragen Nektar. Aus der Blüte bilden sich bis zu 5 cm lange Kapseln, die bei geringster Berührung wie Regentropfen explosionsartig aufspringen und die Samen bis zu 7 m weit schleudern. Die Kapsel rollt sich dabei kringelartig auf.


Vorkommen: Feuchtigkeits- und stickstoffliebend. Ufergebiete von Bächen und Flüssen, Waldränder, feuchte Waldgebiete


Inhaltsstoffe: Glykoside, Bitterstoffe, Gerbstoffe (Tannine), organische Säuren, Omega-3-Fettsäuren (Parinarsäure) in den Samen.


FAQ:

  1. Ist das Drüsige Springkraut essbar? Samen und kleinere Mengen der Blüten sind essbar. Samen können roh oder getrocknet pur oder als Beigabe oder Topping zu Müsli, Joghurt, Pesto, Salat und vielem mehr verspeist werden. Die Blüten eignen sich gut zur Herstellung von farbenprächtigem Sirup oder Gelee.

  2. Ist Drüsiges Springkraut giftig? Blätter und Stiele der Pflanze sind schwach giftig. Der Verzehr kann zu Übelkeit, Erbrechen und Durchfall führen. Äußerlich angewandt wird dem Pflanzensaft frischer zerriebener Blätter ein lindernder Effekt bei Mückenstichen oder nach Kontakt mit Brennnesseln zugeschrieben.

  3. Wie kann man Drüsiges Springkraut bekämpfen? Das Drüsige Springkraut ist eine einjährige Pflanze. Das heißt, das Kraut verschwindet im Herbst spätestens mit den ersten Frösten. Um den Neuaustrieb der bis zu 5 Jahre keimfähigen Samen einzudämmen, gilt es die erhebliche Zahl dieses Hochleistungsproduzenten nachhaltig einzudämmen. Dies erreicht man nur durch eine Mahd vor der Blüte. Das Mähgut muss entsorgt werden, da die Pflanze auch an den Stängelknoten wieder wurzeln und neu austreiben kann.

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Die Beschreibungen ersetzen keine medizinische Beratung. Alle Darstellungen beruhen auf tradierten Überlieferungen und volksheilkundlichen Erfahrungen. Bei Beschwerden und Krankheitszeichen ggf. den Arzt des Vertrauens konsultieren.


Quellen:

Bundesamt für Naturschutz: https://neobiota.bfn.de/grundlagen/oekologische-grundlagen.html


Leineverband: http://www.leineverband.de/daten/pdfs/Indisches Springkraut.pdf




Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen: https://neobiota.naturschutzinformationen.nrw.de/neobiota/de/arten/pflanzen/147885/kurzbeschreibung


DHZ Praxis: https://heilpflanzenschule.de/wp-content/uploads/2020/06/Indisches-Springkraut.pdf


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