Die Brennessel

Feuer und Wasser

Tagpfauenauge-Raupen auf Brennnesseln
Für die Raupen der Tagpfauenaugen-Schmetterlinge ist die Brennessel einzige Nahrungsquelle

Der Name der Brennnessel weist schon auf das charakteristischste Merkmal der wehrhaften Pflanze hin - sie brennt wie Feuer: Bei Berührung von Blättern und Stiel brechen die Spitzen der Brennhaare auf Stängel und Blattoberseite ab und verursachen heftiges Brennen auf der Haut. Wie Injektionsnadeln bohren sie sich in die Haut und lösen durch die Ameisensäure, Histamin und Serotonin starkes Brennen und die typische Quaddelbildung auf der Haut aus. Schmerzfrei lassen sich Brennesseln auch ohne Handschuhe ernten: Mit beherztem Zugriff von unten nach oben.

Die Wasserliebende: Mit Wasser kann die Brennnessel gut. Sie liebt feuchte, stickstoffreiche Böden und auch den Regen. Gleichzeitig wirkt sie aufgrund ihrer zahlreichen Mineralstoffe stark entwässernd auf den Körper. Deshalb wird sie arzneilich bei verschiedensten Beschwerden der ableitenden Harnwegsorgane und zur Ausleitung eingesetzt - sowohl als Frühjahrskur als auch um überschüssige Harnsäure abzutransportieren (z.B. bei Gichtleiden).


Artenkunde

Die Familie der Brennesselgewächse umfasst rund 2.500 Arten, die in 56 Gattungen unterteilt sind. In Mitteleuropa finden sich neben den arzneilich nicht relevanten Pillenbrennesseln (Urtica pilulifera) und Sumpfbrennesseln (Urtica kioviensis) primär die große Brennessel und ihre kleine Schwester, die häufig im Mischverbund vorkommen. Zarter im Wuchs, ist die kleine Brennessel dafür spürbar aggressiver. Auch in der Fortpflanzung bestehen Unterschiede: Die einhäusige kleine Brennessel beherbergt sowohl männliche als auch weibliche Blüten in den Rispen. Bei den zweihäusigen großen Brennnesseln lassen sich die weiblichen Pflanzen durch ihre herabhängenden Blütenrispen von den männlichen Pflanzen mit waagrecht abstehenden Rispen gut unterscheiden. Die Windbestäubung kann man gut beobachten: Bei Berührung entlädt die männliche Pflanze ihre Samen in einem goldenen Wölkchen.


Steckbrief:

Familie: Brennesselgewächse (Urticaceae) Pflanzenname: Große / kleine Brennnessel (Urtica dioica / urens) Volksnamen: Donnernessel, Hanfnessel, Saunessel, Senznettel


Merkmale: Die mehrjährige Pflanze erreicht eine Höhe von 30 - 150 cm. Wurzel mit vielen feinen Ausläufern, ausgedehnte Bestände. 4-kantiger, unverzweigter Stängel. Die dunkelgrünen, gegenständigen, ei- bis herzförmigen Blätter sind lang zugespitzt. Stängel wie Blätter sind mit den typischen Brennhaaren besetzt. Von Juli bis Oktober bildet sich grünliche Blüten in Rispen aus.


Vorkommen: Nahezu weltumspannend, außer Tropen und arktische Gebiete. Weg- und Waldränder, feuchte (Au-)wälder, Brachflächen, überdüngte Wiesen, Stickstoffzeiger


Inhaltsstoffe: Reich an Vitaminen A und C, Eisen, Kalium, Mangan und Calcium, Eiweiß, Carotinoide. Blätter mit Kiesel- u. Ameisensäure, Brennhaare mit Histamin, Serotonin, Acetylcholin


Verwendung:


In der Heilkunde:

Als Tee oder Tinktur zur Anregung des Stoffwechsel bei Rheuma-, Gicht-, Galle und Leberbeschwerden als auch harntreibend bei Harnwegsinfekten, Nierengries sowie für Männer bei gutartigen Prostatavergrößerungen. Der in der Brennessel enthaltene Farbstoff Lutein (Carotinoid) wird in die Netzhaut des Auges transportiert und wirkt sich dort positiv auf die Sehschärfe aus. Spülungen mit Kaltauszügen der Brennesselwurzel werden als wirkungsvolles Mittel bei Haarausfall empfohlen.


Achtung: Nicht anwenden bei Ödemen infolge von eingeschränkter Herz- oder Nierentätigkeit. Das frische Kraut kann Haut und Schleimhäute reizen, die Pollen können allergische Reaktionen auslösen.


In der Küche:

Die vitalisierenden Wirkstoffe der Brennnessel lassen sich ideal und vielseitig in der Küche einsetzen: Ob als Wildgemüse (ähnlich Spinat), in Smoothies, Wildkräutersalaten oder in Form von (gerösteten) Samen als Topping für Müslis und Desserts.


Tipp: Die Brennhaare können einfach neutralisiert werden durch kurzes blanchieren oder indem man die Blätter mit dem Nudelholz kräftig walkt.


Basischer Energietrunk für Frühstück oder zwischendurch:

Zutaten: 100 g frische Brennnessel, 1 Liter Buttermilch, 1 Banane, Zitronensaft

Zubereitung: Alle Zutaten im Mixer zu einem grünen Smoothie mixen - der perfekte Frische-Kick am Morgen und auch zwischendurch.


Weitere Brennessel-Leckereien findest Du hier.


Pflanzen helfen Pflanzen:

Brennnesseljauche liefert als hochwertiger natürlicher Pflanzendünger viel Stickstoff und Kalium: 1 kg Brennnesseln in 10 l abgestandenem Regenwasser ca. 12 Wochen ohne Abdeckung ansetzen. Gegen die störende Geruchsentwicklung Steinmehl aufstreuen.

Brennnesselinseln im Garten erhalten die Artenvielfalt, denn die Blätter der Brennnessel sind z.B. einzige Nahrungsquelle für die Raupen der Schmetterlingsarten Tagpfauenauge und Kleiner Fuchs.


Geschichtliches:

Die Brennessel begleitet die Heilkunde bereits seit der Antike: Dioskurides beschrieb die Pflanze als menstruationsfördernd, wind- und harntreibend. Und auch Plinius empfahl die Brennessel bei vielerlei Leiden. Der deutsche Name taucht als „nezzila“ bereits im Althochdeutschen auf - möglicherweise ein Bezug auf Netz -, denn die Brennessel ist eine der ältesten Gespinstpflanzen. Bis ins 18. Jahrhundert hinein wurde sie als heimische Faserpflanze in großem Umfang angebaut. Während der beiden Weltkriege erlangte die Brennessel als Rohstofflieferant für die Textilindustrie erneut Bedeutung, wenngleich kein echter Durchbruch erfolgte. Da die Fasern den holzigen Teilen sehr fest anhaften, war der Stoff ziemlich rau. Auch Mischungen mit Baumwolle für die Herstellung von Bett- und Handtüchern, als auch Kleiderstoffen brachten keine durchsetzungsfähigen Ergebnisse. In jüngerer Zeit erfährt die Brennessel eine kleine Renaissance. Auch zum Färben und sogar für Papierherstellung kommt sie zum Einsatz.


Sagen, Mythen, Liebeszauber:

Verschiedene Sagen verweisen auf die textile Verwendungsmöglichkeit…

„Ein böser Vormund wollte nicht zulassen, dass ein Mündel ihren Liebsten heiratete. Er zeigte boshaft auf eine am Weg stehende Brennessel und sagte der verzweifelten jungen Frau, sie dürfe den Mann erst heiraten, wenn sie aus diesem Unkraut ein Brautkleid selbst gesponnen und gewebt habe. Nachts erschienen der Schlafenden zwei Engel, nahmen sie bei der Hand und gingen mit ihr zu der Nessel. Dort unterwiesen sie das Mädchen in der Fasergewinnung, dem Spinnen, Bleichen und Weben. Am Tag darauf begann die Maid mit der Arbeit und an dem Tag als das Brautkleid fertig war, starb der Vormund.“


Bei den Zigeunern in Siebenbürgen hieß es, dass sich an Orten, wo Brennesseln wachsen, Eingänge zu den Wohnungen der Pcuvush-Leute befänden. Diese Erdgeister sind am ganzen Körper behaart. Wenn es einem Menschen gelingt, ein Pcuvush-Haar zu gewinnen, so kann er damit Steine in Gold verwandeln.


Es heißt, mit Hilfe der Brennnessel können Frauen auch brennende Liebe beim angebeteten Mann erzeugen: Man koche Nesselsamen im Wasser und sage beim Rühren folgenden Spruch: „Wie Jesus jeden Menschen liebt | Auch selber den, den er betrübt | So sollst auch Du in Liebe mein | So brennend als die Nesseln sein“


Die aphrodisierende Wirkung ist nicht unbedingt von der Hand zu weisen: Wie alle harntreibenden Mittel hat auch die Brennessel einen reizenden Effekt auf die Libido.


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