Massaker im Grünen. Ein Gartenkrimi

Krieg und Frieden



Ein Bild des Grauens breitet sich vor mir aus. Leichenteile, zerfetzte Organe und alles überzogen mit einer widerlichen Substanz. Ich stehe da - starr vor Entsetzen. Und plötzlich spüre ich eine Welle des Hasses in mir aufsteigen. Mit geballter Wut trete ich das Türchen zu meinem Garten auf und stürme los. Beim ersten Schritt spüre ich etwas so Widerwärtiges unter meinen Füßen, dass es mich schaudert. Ein spitzer Schrei entfährt mir und ich springe zur Seite. Dort, wo eben noch mein linker Fuß einen Abdruck im feuchten Morgengras hinterließ, liegt die Kreatur, die für die unbeschreibliche Meuchelei verantwortlich ist. NACKTSCHNECKEN-ALARM.


Nacht für Nacht kriecht eine Meute dieser schleimigen Zombies aus dem Erdreich und meuchelt jedes grüne Leben in meinem Garten. Ob kultivierte Dahlien oder wilde Vogelmiere - der Appetit der braunen Kriecher ist unstillbar. Selbst vor Tomatenstauden machen sie in diesen Tagen keinen Halt. Mampf, mampf - als gäb´s kein Ende. In nur zwei Nächten haben sie zwei lebensfrohe Kürbispflanzen bei lebendigem Leibe Zentimeter um Zentimeter erbarmungslos mit ihren fräsenartigen Mäulern dahingemetzelt. Die stummen Schreie der friedfertigen, hübschen und nahrhaften Rankpflanzen blieben ungehört. Gnadenlos machten sich die glitschigen Angreifer zunächst über Blätter und Blüten her. Doch Schluss war hier noch lange nicht. Am Morgen nach Nacht zwei konnte ich das Ausmaß der Übergriffe kaum fassen. Der kleine Kürbis, der vor wenigen Wochen das Licht der Welt erblickt hatte und Dank liebevoller Pflege und bester Witterung bereits ansehnliche Größe erreicht und Vorfreude auf kulinarische Köstlichkeiten entflammt hatte - tot. Kürbissuppe ade. Kürbisrisotto mit Pilzen - vorbei. Kürbisschnitzel - träum weiter. Mit siegesgewisser Haltung fläzte eine der fettesten der nächtlichen Vielfraße wie zum Hohn in den Überresten des kleinen Babykürbisses, den sie in Form einer Chaiselongue zurechtgemampft hatte. Na warte - Dir werd ich’s zeigen!


Ich packte die pralle braune Glitschwurst und beförderte sie mit einem beherzten Wurf, begleitet von wüsten Verwünschungen über den Nachbarszaun. Ein jämmerlicher Akt der Rache. Zum einen weil meine Wurftechnik schon zu Zeiten der Bundesjungendspiele eher Anlass zur Belustigung oder zumindest Bedauern war. Zum anderen besteht das Nachbargrundstück aus einer brach liegenden recht unaufgeregten Wiese ohne nennenswerten schneckenrelevanten Bewuchs. Das fette gefräßige Vieh würde also spätestens heute Abend zurück sein. Ich wette, sie kringelte sich gerade mit ihren Schneckenkumpels vor Lachen: „Höhöhö, die Alte geht wieder ab wie n`Zäpfchen. Bis heute Abend Jungs. Geht klar, oder!“ Die Mangelernährung auf dem Nachbargrundstück ist auch hauptverantwortlich dafür, dass das Tor zu meinem Garten wie eine magische unsichtbare Grenze für Schneckenbefall ist. Vor dem Tor - nichts. Hinter dem Tor - 20 Schnecken auf den ersten Metern der Wiese. Wie viele in den Stauden und Büschen versteckt ihrem grausigen Treiben nachgehen, weiß der Himmel.

Krieg und Frieden

Während ich angewidert versuche, den hartnäckigen Schleim von Fußsohle und Fingern zu entfernen, höre ich hinter mir ein mir bekanntes lakonisches „Ich sag nur Schneckenkorn“. Mein Ehemann betritt den Garten, schlendert an mir vorbei und macht es sich auf der Gartenbank gemütlich. Ich drehe genervt mit den Augen. Es ist nämlich so: Ich bin Buddhist. Also nicht so wirklich. Weder trage ich orange Umhänge noch Glatze, noch bete ich täglich mehrfach oder so. Ich kann einfach keinem Lebewesen etwas zuleide tun (ausgenommen vielleicht Schnaken, die mich nachts um den Schlaf bringen). Ich trage Käfer über die Straße und geleite Regenwürmer zum nächsten kühlen Beet. So ein Buddhist - Sie verstehen. Ich hasse es, dass die Schnecken meine gärtnerischen Bemühungen durch nächtlichen Kahlschlag konterkarieren, aber ich hasse nicht die Schnecken. Sie können ja nichts für ihr Schneckendasein. Eigentlich sind sie damit ja schon gestraft genug. Mal ehrlich, wer will schon auf Schritt und Tritt eine Schleimspur hinter sich herziehen. Abgesehen von einer Reihe von „Humanschnecken“ gehört das wohl eher weniger zu den Top 10 der beliebtesten Charakterzüge.


Und so veranstalte ich jedes Jahr eher einen (Kräuter-)pädagogischen Stuhlkreis als einen bedingungslosen Krieg gegen das Schneckenvolk. Mein Bekanntenkreis geht da rabiater vor und propagiert todsichere Strategien. Aber mal ehrlich: Schere und Salz - martialisch und herzlos. Bier - lecker, aber heimtückische Biowaffe. Schneckenkorn – Chemie im Garten…na hör mal. Ich drehe mit den Augen. Sie sehen schon, das passiert mir öfter. Manchmal ist mir direkt schwindelig davon. Schwindelig wird es den Schnecken allerdings überhaupt nicht angesichts meiner naturverträglichen sanften Maßnahmen. Als Kräuterpädagogin weiß ich selbstverständlich um die Vorzüge naturnaher Mischbepflanzung mit Wildkräutern. Der würzige Giersch ist nämlich nicht nur ein überaus heilsames wie schmackhaftes Wildgemüse, es mundet auch den Schnecken so dermaßen gut, dass sie auf gar nichts anderes im Umfeld Lust verspüren. Im Schweizerischen Volksmund heißt es sogar „Schnegge-Chrut“. Na wenn das mal keine sanfte Maßnahme ist. Soweit die Theorie. Vielleicht verstehen die deutschen Schnecken Schweizer Deutsch schlichtweg nicht oder es handelt sich in meinem Garten um Gourmet-Schnecken, die sich mit derlei Hausmannskost nicht mal ansatzweise auseinandersetzen. Jedenfalls sind „meine“ kleinen Schleimer dadurch genauso wenig einzuschüchtern wie durch Kaffeesatz oder Tiereinstreu. Sie krabbeln behände über Schneckenzäune und durchqueren Burggräben aus Wasser. Ich bin sicher, sie würden auch über ein Nagelbrett aus Reißnägeln marschieren, wenn ich mich überwinden könnte, diese abstruse Abschreckungstechnik, die mir ans Herz gelegt wurde, in die Tat umzusetzen.


Und so baue ich meinen Schnecken-Stuhlkreis auf. Unser Thema: Kürbisrezepte. Ommm.


Vorschau: Kürbisrezepte mit Wildkräutern gibt es hier ab Herbst...notfalls mit Kürbissen vom Gemüseladen meines Vertrauens ;-)


© wildekräuterkatze

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