Magdas Bärlauchgeheimnis

Aktualisiert: 4. Mai 2021

Ein Kräuterkrimi



„Meine Mutter ist dran…sie will Dich was fragen. Hast du kurz Zeit?“ Das Telefon halbherzig abgedeckt, lugt Ben in mein Arbeitszimmer. Ich fuchtle abwehrend mit den Armen und bedeute meinem Mann mit einer Mischung aus Wut, Verzweiflung und Vorwurf, dass ich dieses Gespräch keinesfalls führen möchte. Doch das Ding ist gelaufen. Offensichtlich bin ich ja zu Hause und dass ich keine Zeit haben könnte, ist für meine Schwiegermutter etwa so realistisch wie ein Besuch von Harry Potter bei uns zu Hause. Ich bin freie Autorin. Dass ich Termine und Verpflichtungen habe und mein „Hobby“ keinen unerheblichen Teil unseres Einkommens finanziert, ignoriert Magda seit ich in ihr und Bens Leben getreten bin. Magda. Im Grunde ist sie ganz in Ordnung. Sie führt ein selbstbestimmtes Leben voller Aktivitäten und besucht uns hin und wieder, wenn ihr turbulentes Rentnerleben es zulässt. Aber was Magda sagt, ist Gesetz. Fast reflexartig aktiviert mein Körper den Kampfmodus, sobald sie die Bühne betritt. Denn auch ich habe aus irgendwelchen (für Magda wohl nicht nachvollziehbaren) Gründen einen gewissen Drang nach Selbstbestimmung.


„Hallo Magda, was gibt’s?“, säusle ich betont gut gelaunt in den Hörer. Ich bemühe mich, freundlich und unbefangen zu klingen, während ich Ben gestikuliere, dass ich ihm den Hals umdrehe, sobald ich fertig bin. „Lena-Liebes, warst Du schon Bärlauch suchen?“ Höre nur ich das? In Magdas Frage schwingt etwas subtil Anklagendes. Ich fühle mich spontan in ein Verhör vor dem jüngsten Gericht versetzt und stammle: „Nein, weißt Du, ich sitze gerade an einem Projekt und der Abgabetermin…“. Weiter komme ich nicht, denn jetzt ist Magda in Fahrt. „Papperlapapp, ich komme morgen früh vorbei und dann gehen wir beide zu unserem Bärlauchplatz. Willst Du etwa die ganze Ernte irgendwelchen anderen Leuten überlassen. Das wäre ja noch schöner! Ich bitte Dich. Ich möchte unbedingt wieder einen Vorrat an Bärlauchpesto anlegen.“ Sie faselt noch etwas von diversen Terminen, die sie diese Woche noch wahrnehmen müsse und dass morgen der perfekte Tag sei. „Also abgemacht. Ich bin dann um 10 Uhr bei Dir. Bereite alles vor, damit wir gleich los können. Also bis dann. Tschühüss!“, beendet sie kurzerhand das Gespräch.

Irgendwie hat Magda es geschafft, unsere jährliche Bärlauch-Ernte zu einer Tradition zu erheben. Ich gebe ja zu, dass ich selbst verrückt nach Bärlauch bin. Ab März halte ich bei jedem Waldspaziergang wie ein Trüffelschwein Ausschau nach dem grünen Gold. Ich krieche dann bisweilen auf dem modrigen Waldboden herum und wühle und schnuppere zwischen den verdorrten Blättern, um vielleicht die ersten Spitzen der Bärlauchtriebe zu entdecken. Kann ich dann den aromatischen Duft riechen, schlägt mein Herz höher. Wie Knoblauch, nur viiiiiiieeeeel besser und soooo lecker. Magda geht es ebenso – da sind wir uns zumindest einig.

Am nächsten Tag klingelt es pünktlich um 10 Uhr an der Tür. Magda steht bewaffnet mit einem großen Korb am Gartentor. „Lena-Liebes, Du bist ja noch gar nicht fertig!“, begrüßt sie mich erstaunt und vorwurfsvoll zugleich. Lena-Liebes. Magdas Präludium für ihren vertonten Tadel in Moll. Ich schlucke meinen aufkeimenden Groll hinunter und in meine Schuhe hinein. Wir gehen Bärlauch pflücken und ich habe keine Lust auf schlechte Laune. „Von wegen - ich bin startklar! Los geht’s“, flöte ich. Und mit einem Satz bin ich vor der Tür und hake mich bei Magda unter. Wir wohnen privilegiert und sind in nur zehn Minuten am Waldrand. Ich bin immer noch unendlich dankbar für das Glück, vor fünf Jahren die kleine Wohnung an diesem idyllischem Ort ergattert zu haben.


Fast verschwörerisch rücken Magda und ich tiefer in den lichten Laubwald vor und ich ertappe mich dabei, dass ich mich tatsächlich umschaue, ob uns jemand beobachtet. Wie Pilzsammler, verraten auch Bärlauchfans nur ungern „ihre“ Fundplätze. Magda ist immer noch überzeugt, dass wir die einzigen sind, die diesen speziellen Platz kennen, der jedes Jahr so lächerlich viele Bärlauchtriebe hervorbringt, dass es einem von dem Geruch fast schwindelig wird. Ich lasse ihr das diebische Vergnügen, wohlwissend dass hier mehr als ein weiterer Bärlauchfreund sein Glück sucht. Ich achte immer darauf, nachhaltig zu ernten. Genug für uns, genug für die Natur und genug für andere.


Ich kenne Bärlauch - darauf kannst Du Gift nehmen

Doch dieses Mal kommt es anders. Angekommen an „unserem“ Sehnsuchtsort, breitet sich ein herrliches Feld aus Bärlauch zu unseren Füßen aus. Satt grün stehen sie da, die schmackhaften Blätter. Die ganz jungen Triebe noch wie kleine Speerspitzen - von beiden Seiten nach innen eingerollt wie Schweinsöhrchen-Kekse. Die größeren schon voll entfaltet. Die Oberseite glänzend, die Unterseite matt und in der Mitte die Hauptader, die so typisch knackt, wenn man das Blatt knickt. Magda stellt ihren Korb ab und was sie herausholt, lässt mir den Mund offen stehen – eine Sichel. „Magda!“, rufe ich empört. „Was soll denn das?! Seit wann ernten wir mit einer Sichel? Das ist nicht nur maßlos, sondern auch gefährlich“, echauffiere ich mich „Was heißt denn da maßlos und was soll daran gefährlich sein?, entfährt es meinem Schwiegertiger und sie schaut mich herausfordernd an. „Hör mal, auch wenn hier jede Menge Bärlauch wächst, veranstalten wir hier keinen Kahlschlag. Die Natur gehört allen und der Natur selbst gehört auch etwas. Das nennt man Nachhaltigkeit.“, referiere ich und setze nach „Wenn Du sichelst, landet alles in Deiner Ernte, was da wächst. Du kannst nicht mehr sehen, ob Dir eventuell was Giftiges dazwischen gerutscht ist“. Magda lacht leicht hysterisch auf. Lena-Liebes, nun bleib mal auf dem Teppich. ICH habe schon Bärlauch gesammelt, da stecktest Du noch in den Kinderschuhen. Ich weiß, was ich pflücke. Da kannst Du aber Gift drauf nehmen!“, sagt sie und fängt an, energisch mit der Handsichel den Bärlauch zu mähen. „Wir werden sehen, wer hier Gift auf irgendwas nimmt…“, denke ich erbost und mit einem flauem Gefühl im Magen. „Nun, wir werden das Sammelgut zu Hause sicherheitshalber sortieren“, geht es mir durch den Kopf und ich beginne demonstrativ, sorgsam Blättchen für Blättchen in meinen Korb zu pflücken.


Nach etwas weniger als 20 Minuten haben wir mehr als genug gesammelt und wir wandern zufrieden mit unserer Ausbeute zu unserer Wohnung zurück. Magda ist in ihrem Element und versäumt nicht, ihr sagenumwobenes Bärlauchpesto-Rezept ins Gespräch zu bringen, das sie wie ihren Augapfel hütet. Während wir so dahingehen, werfe ich verstohlen immer wieder Blicke in Magdas Korb. Und ich meine, zwischen den Bärlauchblättern auch etwas anderes - ähnlich, aber anders - entdeckt zu haben. „Womöglich eine frühe Herbstzeitlose.“, nagt es in mir. Das wäre fatal, denn das Pflänzchen ist richtig fies. Schleichende Vergiftung bis zum Tod. Mich beschleicht zumindest ein ungutes Gefühl. An der Haustür wage ich einen vorsichtigen Vorstoß: „Magda, komm doch noch auf einen Kaffee mit rein. Wir können dann noch mal die Ernte sortieren und prüfen und gleich verarbeiten, wenn Du magst.“ Mein Versuch scheitert kläglich und Magda erteilt mir eine Abfuhr, die sich gewaschen hat. „Mag sein, dass es DIR an Erfahrung fehlt, aber ICH habe hier Bärlauch und sonst nichts. Da brauchst Du nichts zu kontrollieren und mein Rezept verrate ich niemals. Das ist und bleibt mein Geheimnis.“ fährt sie mich an. Mit einem „Ich muss jetzt los. Grüße Ben von mir. Bis die Tage.“ Schwingt sie sich in ihren roten Mini und weg ist sie. Ich bleibe mit einer Mischung aus Wut und Zweifel zurück. „Was soll’s, sie ist weiß Gott erwachsen und offensichtlich oberschlau.“ Etwas verstimmt gehe ich ins Haus und mache mich ans Werk. Ich verlese die Kräuter und verarbeite sie ganz frisch mit Pinienkernen und Parmesan zu blitzgrünem und überaus aromatischem Pesto.


Schleichendes Gift


Die Tage vergehen. Magda lässt eine Weile nichts hören. Ich denke, sie ist immer noch sauer, weil ich in Sachen Bärlauch ihre Sachkenntnis in Zweifel gezogen habe. Am Abend beim Fernsehen sagt Ben mit etwas besorgter Miene: „Mum geht es nicht so gut. Ich fahr morgen mal hin und schaue nach ihr.“ Ich zucke innerlich zusammen. „So, was hat sie denn?“, forsche ich nach. „Keine Ahnung, sie weiß es selbst nicht so recht. Ich fahr mal hin. War eh schon lange nicht mehr bei ihr“. Bens gelassene Art beruhigt mich. Was soll schon sein. Nun komme ich mir selbst ein wenig hysterisch vor. Als Ben am nächsten Abend von seinem Krankenbesuch zurück ist, beantwortet er meine Frage nach Magdas Befinden recht einsilbig. „Was ist los?“, hake ich nach. „Ach, du kennst sie doch. Sie ist sauer auf Dich, weil du wohl behauptet hast, dass sie keine Ahnung von Bärlauch hat und so Sachen. Dummes Zeug. Sie beruhigt sich schon wieder. Ich glaube, sie wollte nur, dass ich mal komme.“ Ich merke, wie mein Blut zu schäumen beginnt. Jetzt reicht es endgültig. „Bah! Deine Mutter ist unmöglich. Das stimmt so einfach nicht. Was zettelt sie da für ein Theater an?!“ „Jetzt beruhige Dich doch. Das nehm ich doch gar nicht ernst!“, Ben gibt mir einen Klaps auf den Po, einen Kuss auf die Wange und lümmelt sich aufs Sofa. Doch so einfach ist das nicht. Die Viper hat mich gebissen und ihr boshaftes Gift wirkt noch eine Weile in mir nach. Aber nicht nur in mir. In den nächsten Wochen geht es Magda zunehmend schlechter. Sie rennt von einem Arzt zum anderen. Ben begleitet sie. Es bleibt ein Rätsel. Sie wird immer schwächer, nichts scheint zu wirken. An einem Dienstag Nachmittag zwei Monate später ruft uns Magdas Nachbarin an. Sie hat Bens Mutter im Garten gefunden. Tot.


Eine Woche nach der Beisetzung machen wir uns daran, Magdas Haushalt aufzulösen. Alles sieht noch aus wie zu Lebzeiten. Als wäre Magda nur kurz einkaufen. Der Kühlschrank ist noch gefüllt. Und ich finde ein Glas Bärlauchpesto. Magdas Bärlauchpesto. Aus diesem Jahr. Ich werfe es weg zusammen mit den anderen Dingen. Nur das Geheimrezept, das in ihrem Kräuterordner lag, halte ich in Ehren. Ich habe es gerahmt und in unsere Küche gehängt. Und ich bepflanze Magdas Grab mit Maiglöckchen und Bärlauch. „Die blühen so hübsch und die hat sie so geliebt“, sage ich zu Ben und küsse ihn auf die Wange.

© wildekräuterkatze

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