Kräuterbuschen im Einmachglas

Kräuterliebe zwischen Klischee und Kult(ur)


Kräuterbuschen, Kräuterzigarre und gerebelte Kräuter im Einmachglas
Der Gipfel der Sommerkraft: Kräuterbuschen, Kräuterzigarre oder fein gerebelte Käutermischung

Ich bin ehrlich – ich binde an Mariä Himmelfahrt keine Kräuterbuschen, wie es sich für eine Kräuterfrau „gehört“. Bin ich jetzt gar keine richtige Kräuterfrau und womöglich auch noch eine schlechte Mutter? Fakt ist, dass ich nicht so gut mit Klischees kann. Ich liebe meine drei erwachsenen wundervollen Töchter, aber ich war nie gerne schwanger. Ich fand es mühselig und mich behäbig. Und ich hab’s eben auch nicht so mit den Kräuterbuschen. Ich hatte schon immer einen gewissen Hang zum Ungehorsam. Wahrscheinlich wäre ich im Mittelalter als Hexe verbrannt worden. Und das bringt mich auch schon zu einem wichtigen Punkt: Die Kräuterbündel zu dieser Zeit sind keine segensreiche Erfindung, die uns das Christentum gebracht hat. Es ist vielmehr eine uralte Tradition, ein Ritual aus Zeiten, in denen die Menschen noch eng mit der Natur, ihren Gaben, dem natürlichen Rhythmus des Jahreskreises verbunden waren.

Sommerkräuter auf dem Höhepunkt ihrer Kraft

Es ist die Zeit ab August, in der die sommerlichen Kräuter den Zenit ihres Lebenszyklus erreichen. Jetzt erreicht die Konzentration der heilsamen und aromatischen Inhaltsstoffe ihren Höhepunkt. Es ist Erntezeit. Das wussten bereits unsere Ahnen in vorchristlicher Zeit. Sie lernten aus Beobachtung, Erfahrung und natürlich Wissen, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Was die Kräuter anbelangt, waren es vor allem die Frauen, die hier „zuständig“ waren. Die Sammlerinnen, die für das Gros der Ernährung in pflanzlicher Form sorgten, während die Männer als Jäger den Speiseplan mit Fleisch ergänzten. Das hatte nichts mit Diskriminierung und Frauenfeindlichkeit zu tun. Es war eine effektive Aufgabenteilung - vielleicht traditionell, aber nicht ungerecht. Die Frau war nämlich die Herrin der Höhle, des Hofes. Sie hatte die „Schlüsselgewalt“. Aus der Göttin Freya der Germanen und Kelten wurde die Frau. Sie sperrte alle Tore auf, ließ den Frühling herein. Aber das ist eine andere Geschichte.


Es waren auch diese kräuterkundigen Sammlerinnen, die zur hohen Sommerzeit die kraftstrotzenden Kräuter zu Sträußen banden und sie Mutter Natur schenkten. Eine Geste der Dankbarkeit für all ihre Gaben, mit denen sie den Stamm, die Familie über das Jahr nährt und heilt. Zugleich erbat man sich damit Schutz für den nächsten Jahreslauf.


Hexenzauber und Himmelswerk

Zu Beginn der Christianisierung wurden solche Rituale zunächst als Hexenwerk verdammt. Doch die alten Traditionen blieben bestehen. Und so kam es, dass auch hier (wie an vielen anderen Stellen und Gelegenheiten) Legenden entstanden, die die alten Traditionen mit dem christlichen Verständnis des Ein-Gott-Glaubens kompatibel machten. So auch der Ursprung zu Mariä Himmelfahrt. Man erzählt sich, dass die Apostel Marias Grab leer vorfanden. Zurückgelassen hatte sie für die Menschen nur Rosenblätter und Heilkräuter. Ihr Leib und Seele waren in den Himmel aufgefahren. Der 15. August oder Großfrauentag wurde als Ehrentag dieser Begebenheit ausgerufen. Frauen sollten in den Morgenstunden schweigend und ohne Zuhilfenahme metallischer Messer Kräuter schneiden. Diese Bündel wurden dann geweiht und später in den Herrgottswinkeln der Häuser aufbewahrt. An diesem Tag beginnt die Zeitspanne des sogenannte „Frauendreißiger“, der mit dem 8. September (Kleinfrauentag) endet und zum Sammeln der heilkräftigen Kräuter genutzt wurde. Bei Bedarf entnahm man die passenden Kräuter aus den getrockneten Kräuterbündeln und setzte sie zur Linderung von Krankheiten oder Abwehr von Gewittern oder anderem Unbill ein.


Die Natur als Taktgeber

Zu der Anzahl der Kräuter gibt es reichlich „Vorgaben“: 7 als Symbol für die Schöpfungstage, 9=3x3 oder bis zu 99 als Tribut an die Dreifaltigkeit. Auch im außerchristlichen Bereich zirkulieren hier unterschiedliche Empfehlungen. So galt die 7 schon immer als magische Zahl wie auch andere….und da meldet sich mein „Ungehorsam“ zu Wort. Ob 7 oder 77…ich bin einfach nur dankbar für das, was mir die Natur zu geben bereit ist. Und ich ernte die Kräuter, wenn sie reif sind und das bestimmt die Natur und kein Kalender.


Wildkräuter begleiten mich das ganze Jahr. Das beginnt mit den ersten winzigen Scharbocksblättchen, die mein nach Grün hungernder Körper oft schon Ende Februar jauchzen lassen. Anfang Februar, für Christen um Lichtmess, wird das neue Lichtkind geboren. Ein neuer Jahreskreis beginnt und bis Ende Herbst sammle ich, was die Natur jeweils anbietet. Über das ganze Jahr konserviere ich: Trockne Kräuter, verarbeite sie zu Tinkturen, Salben, Cremes…Und mein Kräuterbuschen? Den verwahre ich in einem Einmachglas: feinst gerebelte Blüten und Kräuter, die mir das Füllhorn sommerlicher Aromen bis in das Frühjahr auf Butterbrot und Suppen zaubert und manchmal auch auf meinem Räucherstövchen landet. Meine ganz persönliche „geheime“ Zaubermischung für gute Stimmung und Wohlbefinden. Das Keltenfest Samhain im November läutet die Zeit des Rückzugs in die wohltuende Dunkelheit und Stille ein. Erholung ist angesagt – für die Natur und die Menschen (wenn man es zulässt.)


Menschen, die sich dem christlichen Leben und seinen Festen verbunden fühlen, mag diese Darstellung ketzerisch erscheinen. Ich möchte aber nicht belehren und schon gar nicht missionieren. Jedem das Seine. Jedem, was ihm wichtig ist und gut tut. Mir tut die Natur gut und sie ist für mich der Taktgeber.


Allzeit bereit

Im Einklang mit der Natur heißt aufmerksam beobachten und einsatzbereit sein, wenn die Natur zur Ernte ruft. Und so kommt es auch, dass es für mich, dort wo ich wohne und durch die Felder, Wälder und Wiesen streife, es heuer schon viel früher Zeit zur Sommerernte war. Die Holunderblüte habe ich fast verpasst und das Mädesüß, das ich so gerne in meinen Naturkosmetikkursen einsetze, ist dieses Jahr längst verblüht. Keine wogenden vanillefarbenen Blütentuffs der Wiesenkönigin. Stattdessen sehr trockenen Stängel. Aber das macht nichts. Mama Erde hat ja vorgesorgt. Ringelblume, Schafgarbe, Malve, Nachtkerze….man muss flexibel sein und wissen, wie es geht. Willst Du erfahren, wie du die Schätze der Natur erkennst und nutzt? Dann begleite mich gerne einmal zu einem gemeinsamen Kräutererlebnissen mit der Wilden Kräuterkatze. Wie wär’s mit einer Herbstführung?!



© wildekräuterkatze

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